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„Mit den Waffen des Geistes gegen den Geist der Waffen“

„Schon 1914, als beim Einmarsch deutscher Truppen in Belgien die Bibliothek der Universität Löwen niederbrannte und wenige Wochen später die französische Krönungskathedrale in Reims durch deutsche Artillerie beschossen und schwer beschädigt wurde, war der Erste Weltkrieg auch zum Kulturkrieg geworden. Für die folgenden vier Jahre dominierte auf alliierter Seite das Propagandabild der „Hunnen“, einer entmenschten deutschen Soldatenmeute, denen jede Schandtat zugetraut werden musste. (…) Nun hat Präsident Donald Trump für den Fall iranischer Angriffe „auf Amerikaner oder amerikanisches Eigentum“ die Beschießung von zweiundfünfzig Stätten angekündigt, „von denen einige sehr bedeutend und wichtig für Iran und die iranische Kultur“ seien. Es ist das erste Mal, dass ein amerikanischer Befehlshaber im Vorhinein die Zerstörung von kulturellen Objekten als Ziel ausgibt (…) mehr noch aber ist es Trumps Zivilisationsbruch, der in seinem utilitaristischen Politikverständnis Methoden ankündigt, die die schlimmsten Autokraten des zwanzigsten Jahrhunderts zwar ausübten, aber nicht auszusprechen wagten. Heute erscheinen sie im Kalkül eines dezidiert kaufmännisch agierenden Präsidenten als bloße Opportunitätskosten: Nach einem gescheiterten Deal ist für ihn der Krieg die Fortsetzung des Aushandelns mit anderen Mitteln.“
Andreas Platthaus: „Bombenziel Kultur“, FAZ 07.01.2020.

„Der Iran hat zwei US-Stützpunkte im Irak mit Raketen beschossen. Um Sie etwas aufzuheitern, schöne News aus dem eigenen Land: NEUER REKORD! Deutschland hat Rüstungsexporte für 8 Milliar… ah, fuck.
Heute Show: „Kleine Aufheiterung“, 08.01.2020.

Kulturerbe, ob in Bauwerken, Musik, Literatur oder Malereien, bildet den wesentlichen überzeitlichen Reichtum der Menschheit. Die Produktivität aller Menschen, ihre Gedanken, ihre Auseinandersetzungen und ihr Verhältnis zu Mitmenschen und Welt – kurz, alles was den Menschen zum Menschen und Gattungswesen macht – ist in Kultur manifestiert. Im besseren Fall überschreitet sie als Quelle neuer Erkenntnisse und produktiver Lebendigkeit Epochen, Grenzen und erst recht nationale Beschränkungen. Sich diesen Reichtum aneignen zu können, ermöglicht allen, sie nicht nur wiederzugeben, sondern die je persönliche gesellschaftliche Wirksamkeit für eine bessere Welt gegen Menschenfeindlichkeit aller Art umfassend zu entfalten.

Deswegen hat der Autor der FAZ recht, wenn er Trumps Drohung, iranische Kulturstätten anzugreifen, als Zivilisationsbruch kennzeichnet. Die antifaschistische Konsequenz, Kulturstätten und -werke nicht zum Teil militärischer Auseinandersetzungen zu machen (als Teil des Völkerrechts gefasst in der Haager Konvention) soll das Gedächtnis der Menschheit schützen. Die Bereitschaft, die Zerstörung von Kulturerbe zum Teil militärischer Konflikte zu machen, ist die Bereitschaft, den Menschen sogar noch über das Physische hinaus vollständig aus der Geschichte zu beseitigen.

Kein Waffengebrauch ist deshalb noch kein Frieden. Der beginnt, wenn der Mensch dem Menschen ein Freund ist – wofür die Bedingungen dafür von allen förderlich verändert werden müssen. Dafür haben wir an der Hochschule Bedeutung: Das kann das Verständnis von Sprachen und Kulturen betreffen oder die historische, politische und ökonomische Aufarbeitung von 500 Jahren europäischem Kolonialismus. Das kann mit Initiativen gegen Kriegs- und für Friedensursachenforschung gelingen. Dafür ist Bildung, die Zivilcourage, Gewaltfreiheit und egalitäre Verständigung stärkt, wichtig. Kampagnen gegen Rüstungsexporte, für einen Atomwaffenächtungsvertrag oder für eine stadtweite Zivilklausel, damit der Hafen und die Hochschulen nur zivilen Zwecken dienen, sind – mit studentischer Beteiligung – bereits initiiert. Diese und ähnliche Haltungen und Aktivitäten bekannt zu machen, zu nutzen, zu verbinden und zu erweitern ist unsere alltägliche Möglichkeit, Frieden zu stiften.

Aufklärung ist die Überwindung des Krieges.

V.i.S.d.P.: Golnar Sepehrnia, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Sonntag, den 12. Januar 2020, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1468.html