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Groß und Unfug
Kennt Ihr den „halben Olaf“? Das ist die Bauruine des „Elbtowers“, neben den Elbbrücken. „Olaf“, wegen seines bürgermeisterlichen Anstifters; halb, weil er noch 199 Meter groß werden soll.
Aus dem Prestigeprojekt wurde nichts: Investor René Benko, Immobilienhai und Geldschieber, machte eine Bruchlandung. Der in Hamburg gebürtige und in der Schweiz weitgehend steuerfrei ansässige Multimilliardär Klaus Michael Kühne (Platz 29 weltweit, „Kühne Logistics“) und Dieter Becken (Immobilienunternehmer) sprangen ein.
Nun verkündet die Landesregierung, um den Investoren das Geschäft zu erleichtern, wolle die Stadt doch einsteigen: mit 595 Millionen Euro – unter anderem für ein Naturkundemuseum in den düsteren Untergeschossen. In dem höheren, privaten Teil soll es ein 5-Sterne-Luxushotel geben. Prinzessin auf dem Dinosaurier.
Was den Hamburgerinnen und Hamburgern so alles fehlt… Wir wussten es nicht.
Derweil erklärte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) den Sozialstaat zum „Sozialfall“. Er bedrängt – von den Unis bis zum Breitensport, von den Kitas bis zur Grünpflege, von der Flüchtlingshilfe bis zum Hafen – alle mit Kürzungs- und Privatisierungsvorhaben und lamentiert, wer sich nicht füge, sei unsolidarisch.
Aber: „Sich fügen heißt lügen.“ (Erich Mühsam)
Hochschulen sind bedeutsame Stätten kritischer Bildung und Wissenschaft. Wahrhaftigkeit und Humanität, die Bildung selbstbewusster, demokratischer Persönlichkeiten und nachhaltige wissenschaftliche Problemlösungen sind wesentliches Movens. Im besseren Fall wird hier die Kritik an bestehenden Verhältnissen, an herrschenden Ideen und an profitdienlichen Glaubenssätzen kultiviert, sozial orientiert und organisiert. Kritik ist dann kooperative Praxis des Erkennens und Handelns, ist: Ermächtigung zur humanistischen Veränderung.
Dafür formiert sich erneut Bewegung: Wir fordern mehr Mittel, damit die Wissenschaften ihre gesellschaftliche Verantwortung wirkungsvoller wahrnehmen können: Mit ethischer Orientierung und der Abschätzung von Technikfolgen, zugunsten eines nachhaltigen Mensch-Naturverhältnisses, mit Sinn fürs Soziale, für internationale Verständigung, kluge Diplomatie und zivile Entwicklung.
Sprachen sollen das Philosophieren, persönlichen Ausdruck sowie Verständigung zwischen Ländern und Menschen ermöglichen. Kulturen zu erforschen, ist das Kennenlernen der Menschheit. Geschichtsverständnis schafft Bewusstsein zur Gestaltung der Gegenwart. Weltanschauungen und Religionen befinden sich im besseren Fall in aufgeklärter Auseinandersetzung: „Was ist der Mensch?“ „Wie gelingt ein friedliches echtes Miteinander?“ Künste erschließen alle Facetten des Lebens und schaffen eine humane Ästhetik. Auch wohltuende Bewegung, mentale und physische Gesundheit, Gerechtigkeit und demokratische Souveränität im globalen Maßstab sind sinngebende Zwecke wissenschaftlichen Wirkens.
Menschenwürde und Demokratie brauchen eine ungehemmte Entwicklung – befreit vom „modernen“ Dogma der Konkurrenz. Solidarität ist die schöpferische Kraft. Sie konkretisiert sich zum Beispiel im Engagement für Investitionen in einen Bildungs-, Kultur- und Sozialstaat, für würdige Arbeit und eine sinnvolle Infrastruktur.
Dafür gibt es Vorbilder und Mitstreiter. Hamburg ist reich, weltoffen und von Klassenkämpfen geprägt. Man kann dem Stadtbild ablesen, dass der weltweit erarbeitete Reichtum allen zugutekommen kann. Dieser Anspruch ist einzulösen. Für Schönheit braucht die Stadt keine Prestigeobjekte. Bedeutend ist, was die Menschlichkeit hebt.