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Etwas Besseres als Olympia: Kämpferische Hochschulen gegen Kommerzspiele und für ein soziales und weltoffenes Hamburg
Das Studierendenparlament möge beschließen:
Hamburgs Landeregierung hat das im Koalitionsvertrag angekündigte Vorhaben in die Tat umgesetzt und Ende Mai eine Bewerbung für die Austragung Olympischer Spiele in der Hansestadt beim DOSB eingereicht. Dabei ist für Mai 2026 ein Referendum über Hamburg als Austragungsort vorgesehen.
Neuzeitliche Olympische Spiele dienen heutzutage dem eventmäßigen Übertünchen zentraler gesellschaftlicher Probleme (soziale Ungleichheit, Militarisierung, Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen) und tragen gleichzeitig zu ihrer materiellen Verschärfung bei. Sie befördern die Kommerzialisierung von Sport, sind ein riesiges profitables Geschäft für einige wenige (IOC, Sportartikelhersteller), verursachen horrende Kosten und sind städteplanerisch unsinnig und schädlich; sie befördern nationalistisches Denken und propagieren ein auf Leistungsideologie und Individualismus basierendes neoliberales Menschenbild.
Die Verfasste Studierendenschaft engagiert sich hingegen für die Stärkung kritischer öffentlicher Auseinandersetzungen zu Gunsten ziviler Entwicklung und Konfliktlösung, ein nachhaltiges Austauschverhältnis des Menschen mit der Natur sowie soziale Umverteilung von oben nach unten. Wir treten ein für den Ausbau des Breitensports und eine spielerisch-inklusive Sportpraxis sowie für die Förderung nicht-kommerzieller internationaler Begegnungen und Sportfeste zur Förderung der Völkerverständigung. Wir kämpfen für erweiterte öffentliche Investitionen in die städtische Infrastruktur und insbesondere in Bildung, Gesundheit, Soziales und Kultur.
I. Die Verfasste Studierendenschaft spricht sich gegen die Austragung Olympischer Spiele aus – in Hamburg und überall.
Ein „Nein“ in Hamburg stärkt die Olympia-kritische Bewegung weltweit.
II. Das Studierendenparlament beauftragt den AStA:
a. Bündnisse und Initiativen zu unterstützen bzw. sich an ihnen zu beteiligen, die sich für ein „Nein“ bei dem geplanten Referendum zur Austragung Olympischer Spiele in Hamburg einsetzen,
b. eine kritische Aufklärungskampagne innerhalb der Studierendenschaft und der Hochschule für ein „Nein“ zu Olympia auszuarbeiten und dem Studierendenparlament zum Start des WiSe 2025/26 vorzulegen. Die Kampagne soll die Mitwirkungsmöglichkeit aller Angehörigen der Studierendenschaft beinhalten und wenn möglich eine Zusammenarbeit mit den Studierendenschaften der anderen Hamburger Hochschulen vorsehen.
III. Das Studierendenparlament fordert das Präsidium sowie die Fakultäten und die Wissenschaftler:innen der Universität auf, sich nicht von der Landesregierung für eine Pro-Olympia-Kampagne vor den Karren spannen zu lassen. Soweit es um die Stärkung internationaler Verständigung, den Ausbau eines aufgeklärten Menschenbildes und spielerischen und inklusiven Sport geht, sind die finanziellen Mittel, die in schädliche Olympische Spiele und eine Bewerbung fließen sollen, bei der Universität gut aufgehoben.
IV. Das Studierendenparlament fordert Bürgerschaft und Senat der FHH auf, keine weiteren Mittel und intellektuellen Anstrengungen in eine Olympiabewerbung zu stecken. Sollte die Bürgerschaft dennoch im Juli die für die Bewerbung und Vorbereitung des Referendums beantragten zusätzlichen Finanzmittel in Höhe von knapp 2 Millionen Euro beschließen, so ist die Hälfte dieser Mittel für Kampagnen und Initiativen zur Verfügung zu stellen, die sich bei dem geplanten Referendum für ein Nein zu Olympischen Spielen in Hamburg aussprechen.
Begründung:
Die Gründe für das Engagement der Studierendenschaft für etwas Besseres als Olympia haben seit 2015 nichts an ihrer Gültigkeit verloren (siehe Beschluss vom 18.06.2015 auf Grund der Vorlage V1516-015).
1. Spiele statt Brot
Olympische Spiele inszenieren Völkerverständigung, Freundschaft und eine heile Welt. Übertüncht werden soll damit, die soziale Ungleichheit weltweit wächst und auch die Stadtgesellschaft in Hamburg prägt, dass die Rüstungsausgaben steigen, mit deutschen Waffen völkerrechtswidrige Kriege und ein Genozid in Gaza betrieben wird. Nicht einmal die antike Tradition der Waffenruhe während der Spiele hat heute noch Geltung. Der – selbstverständlich nach Nationen gebildete – Medaillenspiegel hat in der Regel große Ähnlichkeit mit der Auflistung aller Länder nach Bruttoinlandsprodukt. Die Universität mit nachhaltiger Wissenschaft, internationalen Kooperationen und einer engagierten Mitgliedschaft für Frieden und soziale Entwicklung ist ein Kontra dazu.
2. Das IOC: Blanko-Scheck für Profite…
Obwohl in der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen, ist das IOC real eines der größten privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen der Welt. Es macht Milliardengeschäfte durch Werbeeinnahmen, exklusive Sponsorenverträge, Fernsehübertragungsrechte und die Vermarktung der „Marke Olympia". Das IOC zwingt den Ausrichtern sog. Host-City-Contracts auf, die der Stadt die volle Haftung auferlegen und den IOC von sämtlichen Steuern und Zöllen befreien. Das IOC steht für Bereicherung, Korruption, Bestechung, Doping-Verschleierung und Demokratiefeindlichkeit zu Gunsten einiger weniger. Die Personifizierung dieses Prinzips ist Antonio Samaranch, der als ehemaliger Funktionär des faschistischen Franco-Regimes 21 Jahre lang Präsident des IOC war.
3. … auf Kosten der Bevölkerung
Sozialisierung der Ausgaben, Privatisierung der Einnahmen ist Prinzip. Siehe dazu auch: Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags – „Zur Verwendung der Einnahmen aus den Olympischen Spielen“ (WD 8 - 3000 - 064/24, 27.09.2024)
4. Militarisierung
Eine Veranstaltung, die der Beschönigung und Brutalisierung der Verhältnisse dient und autoritär gegen öffentliche Kritik durchgesetzt werden muss, geht stets einher mit einer Militarisierung des Austragungsortes – die Hamburger:innen haben das mit dem G20-Gipfel 2017 hautnah zu spüren bekommen und zuletzt wieder am „Veteranentag“. Währen der Olympischen Spiele in Paris 2024 waren täglich ca. 18.000 Militärangehörige im Einsatz. Am Stadtrand richtete die französische Armee ein Lager für 4.500 Soldaten ein. »Das ist das größte Lager der Armee in Paris seit dem Zweiten Weltkrieg«, so ein französischer Oberst.
5. Alles andere als Nachhaltig
Trotz aller Beteuerung und Propaganda: Olympische Spiele sind nicht nachhaltig, weder ökologisch, noch sozial und ökonomisch. Eine Studie im Journal nature sustainability kommt 2021 zu dem Ergebnis, dass die Spiele zwischen 1992 und 2020 immer nur ein mittleres Nachhaltigkeits-Niveau erreicht haben, und das diese Bilanz sich fortgesetzt verschlechtert!
6. Menschenbild
„Dabei sein ist alles" ist bei Olympia längst passe. Mittlerweile werden gedopte Gladiatoren als Werbeflächen und Verwertungsmaschinen von Medaillen, Rekorden und Spektakeln durch die Manege gejagt. In dieser Zuspitzung soll die neoliberale Leistungsträger-Ideologie reproduziert werden, welche strukturell-gesellschaftliche Probleme individualisiert und zu einer Frage der „Eigenverantwortung" machen will. Weil der Mensch aber kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum ist, sondern das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, kämpfen wir für die Realisierung eines aufgeklärten Menschenbilds, das menschliche Tätigkeit als kooperativ, egalitär und solidarisch begreift.
Eingereicht von der Liste Links, den jungen sozialist:innen & fachschaftsaktiven und dem SDS* (Vorlage 2526/019). Annahme in geänderter Fassung (Vorlage 2526/0019.02).