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Zum Geleit XXVII

Die Grenzen der Duldung und der erforderliche Richtungswechsel

1) Die eingebildete Stärke des Leidens
"So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alldem aber meist in trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann."
Franz Kafka, "Ein Hungerkünstler", 1922.

Wenn die Sachzwänge sich im Kopfe stapeln und sie Dir grinsend sagen, jetzt helfe nur noch Ausdauer, gnadenlose Ausdauer, ja, dann folgt, wenn niemand Halt! ruft, unweigerlich das große Märtyrer-Rennen. Verlierer: Alle.

2) Wer siegt?
"Die Moritat von der großen Fusion: Eines Tages schlug das Huhn dem Schwein eine enge Zusammenarbeit vor. Das Huhn sprach also von Kooperation, es sprach von Fusion und es schwärmte von den Chancen, die darin stecken - nach einer ›gewissen Durststrecke am Anfang‹ freilich. Das Schwein hörte sich schweigend an, was das Huhn zu sagen hatte, und fragte dann, wie die Sache denn genau aussähe. ›Wir gründen die Firma ’ham and eggs’‹, sagte das Huhn. darauf das Schwein irritiert: ›Du bist verrückt, das bedeutet doch meinen sicheren Tod!‹ Das sei der Sinn der Kooperation, bemerkte das Huhn trocken."
Heribert Prantl, "Kein schöner Land/Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit", 2005, S. 89.

Die große Vorteilsnahme ist ein grenzenloses Werk der Zerstörung.
Die Doktrin des Sozialdarwinismus veräzt die Freude von Beginn an. Wer siegt?

3) Reines Rechnen radiert am Charakter
"Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Geschäfte zu liegen; die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung."
Friedrich Schiller, "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt", 1784.

Es heißt auch: Wer oder was sich rechnet, darf bleiben. Wer oder was bleibt übrig? Auf welchen Rest schrumpft die Persönlichkeit?
Das Elend wird durch seine korrekte Verwaltung nicht besser.
Die Kunst hilft, sich heiter zu distanzieren.

4) Frei von ist frei für "Und die neue Stadt, das ist die Stadt, in der die weisen Männer, die Lehrer und die Minister, nicht lügen, in der die Dichter sich von nichts anderem verführen lassen, als von der Vernunft ihres Herzens, das ist die Stadt, in der die Mütter nicht sterben und die Mädchen keine Syphilis haben, die Stadt, in der es keine Werkstätten für Prothesen und keine Rollstühle gibt, das ist die Stadt, in der der Regen Regen genannt wird und die Sonne Sonne, die Stadt, in der es keine Keller gibt, in denen blaßgesichtige Kinder nachts von Ratten angefressen werden, und in denen es keine Dachböden gibt in denen sich die Väter erhängen, weil die Frauen kein Brot auf den Tisch stellen können, das ist die Stadt, in der die Jünglinge nicht blind und nicht einarmig sind und in der es keine Generäle gibt, das ist die neue, die großartige Stadt, in der sich alle hören und sehn und in der alle verstehn: mon coeur, the night, your heart, the day, der Tag, die Nacht, das Herz."
Wolfgang Borchert, "Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck", in einem Zyklus von Erzählungen aus dem Herbst 1946 bis zum Sommer 1947.

Zwei Weltkriege haben gegen die Barbarei auch die Verneinung der Entmenschlichung, das Nie wieder!, hervorgebracht.
Die Vorstellungen, Forderungen und humanen Begehrlichkeiten nach Frieden, sozialer Wohlentwicklung, Bildung und Kultur für Alle, pfleglicher Gesundheitsversorgung und insgesamt freundlichen Lebensumständen entstehen in gesellschaftlichen Krisen immer wieder neu. Die Bedingungen sind menschlich zu gestalten. Die Mehrheit kann sich dadurch selbst verwirklichen.
Schönheit gedeiht in der Überwindung der Mühseligkeit menschlicher Existenz.

Golnar Sepehrnia, Olaf Walther
Hamburg, den 14. November 2006

Flugblatt zur Sitzung des Akademischen Senats

Sitzung des Akademischen Senats am 23.11.2006

Antrag zu "STiNE" an den Akademischen Senat

Veröffentlicht am Dienstag, den 14. November 2006, http://www.harte--zeiten.de/dokument_505.html

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