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Tanz der Vampire

„Das, was heute nacht herauskam, [...] das wird den Arbeitslosen nicht helfen.“
Industriepräsident Rogowski, dem die Reformvorschläge
von CDU/CSU nicht weit genug gehen, FAZ, 9.4.2004.

„Über den Anbruch gesegneter Jahrhunderte:
Müßte nicht die Menschheit angesichts all dieser Maschinen und technischen Künste, welche ihr gestatten, sich leicht zu ernähren, den Eindruck haben, sich am Morgen eines langen, reichen Tages zu befinden, die rosige Morgenröte und den frischen Wind verspüren, die den Anbruch gesegneter Jahrhunderte anzeigen? Warum ist es ringsherum so grau, und warum geht erst jener unheimliche Dämmerungswind, bei dessen Aufkommen, wie es heißt, die Sterbenden sterben?
Verfault eine herrschende Klasse, dann wird der Fäulnisgeruch beherrschend.“

Bertolt Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft, 1919-1956.

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Blutarm?

Menschen sind ergiebig. Setzt man sie unter Druck, arbeiten sie mitunter lang und hart, und stellen mit einem Bruchteil des von ihnen geschaffenen Reichtums alles Mögliche auf die Beine, um auch am Folgetag wieder in vollem Saft arbeiten zu können. Entwickeln sie allerdings ihre Ansprüche, wollen Sinnvolles tun, zum eigenen Nutzen und zu dem ihresgleichen, wollen auch noch statt ihr Bestes zu geben ihr gemeinsames Anliegen an einer friedlichen, sozialen und demokratischen Welt aufdrängen, so werden sie völlig ungenießbar.

Seit Ende der 70er wurden die allgemeinen Lebensbedingungen unter dem Druck des Kapitals mit dem Argument der - selbst hervorgebrachten! - neoliberalen Globalisierung kontinuierlich verschlechtert. Die rot/grüne Bundesregierung weicht vor diesem Druck recht umfangreich zurück (damit ist BDI-Präsident Rogowski zufrieden), die Arbeiter und Angestellten daher wiederum vor ihr. Die Unternehmervertreterparteien CDU, CSU und FDP wittern die Möglichkeit, die Profitraten zu retten. Dafür wollen sie wieder in Regierungsämter, und dafür müssen sie die Welt verdrehen: Arbeitnehmer müssten bescheidener werden, Arbeitslosigkeit sei individuelles Versagen, sich-verkaufen-können das eigentliche Lebensglück und die Organisation zur Realisierung gemeinsamer Interessen sei der eigentliche Zwang. Nicht die zusammenbrechende Nachfrage aufgrund der relativen Armut der Mehrheit der Menschen, nicht die Konkurrenz, die eine produktive Kooperation Aller verhindert, nicht die Verfügungslosigkeit der Menschen über Gestaltung und Zweck ihrer Arbeit stünden der Überwindung der Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichem Fortschritt insgesamt im Wege, sondern der Sozialstaat.

Von den Unionsparteien erwartet der BDI-Präsident mehr als das Aushebeln der Flächentarifverträge, längere Arbeitszeiten, zunehmende Steuerungerechtigkeit, den Wegfall des Kündigungsschutzes für ältere Arbeitnehmer und das Absenken des Arbeitslosengeldes II für all diejenigen, die nicht willig jeden Job annehmen. Man zeigt sich ungesättigt. Die Untoten einer verrottenden Gesellschaft treiben ihr mörderisch dekadentes Spiel.

Besser als Knoblauch und Kreuz:
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, umfassende, gesellschaftlich realisierte und staatlich organisierte soziale Sicherung, emanzipatorische Bildung und die Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche sind die Grundlagen für sinnvolle Arbeit, kulturelle Entfaltung und gleiche Verfügung Aller über den dann qualitativ und quantitativ auch wieder stärker wachsenden gesellschaftlichen Reichtum.

In der Morgenröte ist besser tanzen.

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: juso-hochschulgruppe & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Mittwoch, den 10. März 2004, http://www.harte--zeiten.de/artikel_82.html