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Keinen Sand in die Augen streuen lassen

,,Michel! fürchte nichts und labe
Schon hienieden deinen Wanst,
Später liegen wir im Grabe,
Wo du still verdauen kannst.“

Heinrich Heine ,,Erleuchtung“, 1842.

Da dieser Tage alle Hamburger Tageszeitungen berichten, daß die Geisteswissenschaften nicht radikal zusammengestrichen werden und die Studierendenzahlen auch in nicht naturwissenschaftlichen Fächern wieder steigen ,,dürfen“, ist eine große Erleichterung deutlich zu spüren. Eine zentrale Zerstörungsmaßnahme der Handelskammerpolitik der CDU gegen Geist, Geschichte und Kultur des Menschen ist erkennbar relativiert worden. Hier manifestiert sich der jahrelange fundierte Protest besonders der Studierenden gegen die blindwütige Verwertungsdoktrin und damit das Ende der Drägeriaden. (Sie waren ohnehin auch vielen aufgeklärteren Konservativen unheimlich.)

Wird jetzt alles gut? Nein. Die neoliberale Umstrukturierung hat alle zu Getriebenen gemacht. Rentabilitätserwägungen, Konkurrenz, autoritäre Anordnungen, Mitbestimmungsmangel, wissenschaftliche Verflachung, Leistungsdruck und soziale Selektion prägen weiterhin die Arbeit und Mentalitäten in der Universität.

Ist die Universität also hinkünftig den gesellschaftlichen Umbrüchen gewachsen? Wird ernsthaft und kooperativ an der Überwindung von Krieg und (politisch geschaffenem) Mangel, von ökologischen Bedrohungen und kultureller Verarmung gearbeitet?

Nicht solange die ökonomisch instrumentellen Prämissen in der (Hochschul-)Politik weiter dominieren. Es ist also erforderlich, auf neuer Stufe für eine positive Gesamtreform zu streiten.

Bildung für Alle (also wirklich ohne Studiengebühren und mit bedarfsgerechter Förderung), problemkritische Lerninhalte und demokratische Lehre, umfassende paritätische Mitbestimmung und die verbindende Perspektive der menschlichen Emanzipation sind weiterhin die entscheidenden Kriterien für die Bewältigung der Krise der Universität.

Nach diesem Maßstab sind die - versprochenen - finanziellen Verbesserungen ein Tropfen auf den heißen Stein und eine Beruhigungspille, die einen von sieben Jahren neoliberaler Drangsalierung erschöpften Korpus ruhigstellen soll.

Dankbarkeit ist also nicht angebracht. Gemeinsames Engagement für die substantielle Vermenschlichung der Wissenschaften gegen einen hartnäckigen Geschäftssinn sollte weiterentwickelt werden. Die Studiengebühren, die geistig und sozial engen BA/MA-Studiengänge und der Demokratiemangel sind weiterhin dringend zu überwinden.

Wohl an!

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Dienstag, den 3. Juni 2008, http://www.harte--zeiten.de/artikel_717.html