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Studis, auf zum 1. Mai!

Arbeiter gibt's doch eh' nicht mehr, was soll da noch eine Demo am 1. Mai? Und vor allem: Was hat das mit Studierenden zu tun?

Arbeit verändert sich, gerade auch für Studierende. Vor allem nehmen flexibilisierte Beschäftigungsverhältnisse zu: Jeder Arbeitnehmer soll als 'Unternehmer seiner Selbst' seine kurzfristigen und schnell wechselnden Auftragsbeziehung individuell und 'frei' managen. "Be your own profit center!" lautet der Lockruf der schönen, neuen Arbeitswelt, die Freiheit und Selbständigkeit zu versprechen scheint. Tatsächlich wird diese neue Freiheit aber vor allem von den Arbeitgebern forciert, denn auf diese Weise sollen die so Beschäftigten dafür gewonnen werden, die zur Steigerung des Profits notwendige Eigentätigkeit und Eigenqualifizierung 'ganz selbstbestimmt' zu realisieren. Im Selbstmarketing sind die Arbeitnehmer allein dafür verantwortlich, ihre Qualifikationen kontinuierlich den betrieblichen Anforderungen anzupassen und für die Umsetzung ihrer Fähigkeiten immer wieder neue 'Käufer' zu finden. Dabei stehen sie in ständiger Konkurrenz mit all den anderen 'ArbeitskraftunternehmerInnen'. So kommt niemand auf die Idee, daß sich solidarisch und kooperativ vielleicht doch bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen lassen könnten.

Wer darauf angewiesen ist, sich ständig selbst vermarkten zu müssen, der muss auch darauf achten, dass sein Produkt, das eigene Fähigkeitsprofil, konkurrenzfähig bleibt. Das spürt gerade an der Uni jeder: Unter dem Druck, die eigene Arbeitskraft zum verwertbaren 'Humankapital' zu machen, sind Studierenden angehalten, gezielt an der Entwicklung eines wettbewerbsfähigen individuellen Lebenslaufes zu arbeiten, unter dieser Prämisse werden Seminare, Praktika und oft auch Jobs ausgewählt. So ist zum Beispiel eine Tätigkeit als Studentische Hilfskraft häufig in entsprechende Qualifikationskonzepte eingebunden. Dies führt zur eigentätigen Ausrichtung der Bildungsinhalte auf (vermeintliche) Arbeitsmarktanforderungen, denn wer sein Selbstmarketing nicht zielstrebig genug betreibt, so die Drohung, wird in die Arbeitslosigkeit verabschiedet.

Dass diese Verhältnisse jedoch nur solidarisch zu verbessern und zu überwinden sind, ist eine Grunderfahrung der Arbeiterbewegung. Das gilt eben auch an der Uni. Deshalb haben sich beispielsweise Studierende zu einer Tarifvertragsinitiative (www.tarifini.de) zusammengeschlossen, um in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften bundesweit einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte zu erstreiten. Mit diesem soll durch höhere Löhne, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, verbesserten Kündigungsschutz, längere Beschäftigungsdauer und Beteiligung an der Personalvertretung die materielle Basis erkämpft werden, von der aus der Streit für die demokratische Verfügung über Sinn und Inhalt der Arbeit sowie deren Realisierung besser zu führen ist.

Die Auseinandersetzung um Ziel, Inhalt und Methode von Lehre, Lernen und Forschen wird schärfer und erhält enorme Bedeutung für die Entwicklung unserer Gesellschaft. Es geht darum, ob Bildung und Wissenschaft zur Optimierung der (Selbst-)Ausbeutung und Steigerung der Profite anderer unter konkurrenzhaften Bedingungen dienen sollen, oder ob sie zu solidarischer Kooperation befähigen, die gesellschaftlichen und damit auch die individuellen Lebensbedingungen zu erkennen, zu erklären und zu gestalten. Für letzteres bietet die, in den 70er Jahren erstrittene demokratische Selbstverwaltung der Universität und die Verfasste Studierendenschaft relativ gute Voraussetzungen. Damit wird der Kampf um die demokratische Massenuniversität, um kritische Wissenschaft und materielle Absicherung der Studierenden zum Teil des Kampfes um eine demokratische, friedliche und egalitäre Gesellschaft. Jedoch kann keine Gesellschaft sich allein am Schopf seines Bildungswesens aus dem Sumpf ihrer Probleme ziehen.

Natürlich geht es beim 1. Mai nicht nur Arbeitnehmerinteressen und natürlich sind Studierende - wie alle anderen auch - betroffen von der Politik des Hamburger Rechtssenates. Dieser Senat stellt sich umfassend als Interessenvertretung der Hamburger Handelskammer, der Interessenvertretung des Kapitals dar: Kaum beschwert sich die Handelskammer über den Mangel an Bewerbern für unattraktive Lehrstellen, werden schon einige Fachoberschulen geschlossen, um für das nötige Personal zu sorgen. Die beabsichtigte Privatisierung der Landesbetriebe Krankenhäuser dient Investoreninteresssen (etwa dem Schill-Finanzier Ullrich Marsaille) und würde das Ende medizinischer Versorgung Aller auf hohem Niveau bedeuten. Ebenso soll an den Hochschulen Schluss sein mit kritischer Wissenschaft und Studiermöglichkeiten für alle. Stattdessen soll mit Drägers "Letter of Intent" die Unterwerfung der Hochschulen unter des Diktat der Wirtschaftsinteressen umfassend durchgesetzt werden. Um dies durchzusetzen hat Wissenschaftssenator Dräger nun eine Gesetzesnovelle angekündigt, die den demokratischen Mitbestimmungs-Organen den Gar ausmachen soll. Dafür soll die Privatisierung der Hochschulen mit einer Rechtsformänderung, Flexibilisierungen im Dienstrecht und Studiengebühren / Bildungsgutscheinen voran getrieben werden.

Auch darum geht es, und auch darum ist der 1. Mai eine Veranstaltung, bei der Studierende nicht fehlen sollten!

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: juso-hochschulgruppe & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Sonnabend, den 27. April 2002, http://www.harte--zeiten.de/artikel_70.html