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Zum Geleit XII

Das Lob der Torheit ist die Grundtorheit der Epoche

[Kommentar zum Hintergrund: Vorsichtig wird sich der BA/MA-Probleme angenommen: Der AS kritisiert die Bedingungen der Einführung dieser Studiengänge und fordert von der Wissenschaftsbehörde bessere Finanzierung für die Umstellung der Studiensysteme. Für die Vorbereitungen zur Wahl des neuen Uni-Präsidenten (2006) votiert eine knappe Mehrheit gegen einen Kriterienkatalog, der Demokratie, soziale Offenheit und gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaften als Auswahlmerkmale verbindlich machen sollte. Er soll dennoch in die Arbeit der Findungskommission (in Kooperation mit dem senatsgewollten Hochschulrat) Eingang finden. Aber, wer mit dem Teufel ißt ...]

1) Der kalkulierte Betrug

,,Mephistopheles (in Fausts langem Kleide):
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab' ich dich schon unbedingt -
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp' ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!
(Ein Schüler tritt auf)“

Johann Wolfgang v. Goethe, ,,Faust 1“, 1808.

Was ist geschehen?
Der Teufel schlüpft diabolisch in die Rolle des Gelehrten, um dem Schüler jegliche Lust an der Wissenschaft auszutreiben. Die kategoriale Erforschung der Welt sei Last, Leid und Qual - und führe zu nichts. So nimmt der Schüler Abstand davon zu lernen. Luzifer hat bravourös gewonnen und triumphiert.
Des Lebens Genuß und der Menschengesellschaft Erkenntnis wurden gegensätzlich getrennt. Der nihilistische Sieg besteht in der gelungenen Täuschung.

2) Käuflich oder wissend

,,Kein gerechterer Beurteiler fremden Verdiensts als der philosophische Kopf. Scharfsichtig und erfinderisch genug, um jede Tätigkeit zu nutzen, ist er auch billig genug, den Urheber auch der kleinsten zu ehren. Für ihn arbeiten alle Köpfe - alle Köpfe arbeiten gegen den Brotgelehrten. Jener weiß alles, was um ihn geschiehet und gedacht wird, in sein Eigentum zu verwandeln - zwischen den denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben. - Der Brotgelehrte verzäunet sich gegen alle seine Nachbarn, denen er neidisch Licht und Sonne mißgönnt, und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft verteidigt.“
Friedrich Schiller, ,,Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, 1789.

Was ist abzulehnen?
Brot ist Lohn, Lohn ist Anerkennung, Anerkennung ist Käuflichkeit, Käuflichkeit ist Oberfläche, Oberfläche ist Kälte, Kälte ist Angst, Angst ist Neid, Neid ist dumm. Also: Brot ist dumm.
Und: Knien macht häßlich.

3) Der gute Ton

,,Die Esel und die Nachtigallen
Es gibt der Esel, welche wollen,
Daß Nachtigallen hin und her
Des Müllers Säcke tragen sollen.
Ob recht? fällt mir zu sagen schwer.
Das weiß ich: Nachtigallen wollen
Nicht, daß die Esel singen sollen.“

Gottfried August Bürger, 1789.

Wer macht die Musik?
Esel sind von ihrer Natur her heiser.
Der Mensch trifft den Ton nach gereifter Überlegung. Die Nachtigallen können dann die Säcke tragen.
Zum guten Ton gehören: die Ablehnung militärischer Handlungen, die nützliche Arbeit für alle, die Freiheit von Elend als Würde des Menschen, die bestimmende Teilhabe von informierten Mehrheiten, die nahe gelegte Freude an der Kunst, die Aufklärung als gemeinschaftliche Angelegenheit, die in Gesundheitshäuser umbenannten Krankenanstalten, der lachende Hinweis auf den nackten Kaiser.
Ein Tor, wer Schlechtes dabei denkt.

Hamburg, den 21. Juni 2005

Veröffentlicht am Dienstag, den 21. Juni 2005, http://www.harte--zeiten.de/dokument_338.html