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Zum Geleit I

Rolle vorwärts oder Rolle rückwärts?

Klärende Anmerkungen zum Transformationsverständnis

[Kommentar zum Hintergrund: Die geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde an Rußlands Präsidenten Putin hat uns veranlaßt, zu betonen, daß die Abwicklung sozialistischer Staaten zugunsten brachialer neoliberaler Marktdiktatur kein der Ehrung werter menschheitsgeschichtlicher Fortschritt, sondern ein massiver zivilisatorischer Rückschritt ist. Positive Gegenbeispiele lassen sich finden und in der Person des Humanisten und mit der Bruno-Snell-Plakette der Universität ausgezeichneten Rhetorikprofessors Walter Jens würdigen. Die humanistische Transformation der Gesellschaft sei der positive Gehalt der Wissenschaften!]

,,Ich habe keinen Zweifel, daß Welt und Menschenleben sich nolens volens und unaufhaltsam in eine Lebensform hineinbewegen, für die das Epitheton ,kommunistisch' noch das zutreffendste ist, das heißt in eine Lebensform der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und Verantwortlichkeit, des gemeinsamen Anrechtes auf den Genuß der Güter dieser Erde, einfach infolge des Zusammenwachsen des Erdraumes, der technischen Verkleinerung und Intimisierung der Welt, in der alle Heimatrecht haben und deren Verwaltung alle angeht.“
Thomas Mann, ,,Schicksal und Aufgabe“, 1944.

0) Turbulenzen

Die menschliche Welt ist in tiefer Unruhe.
Krieg und Hochrüstung, soziales Elend und kulturelle Simplifizierung, Verzweiflung und Orientierungslosigkeit traktieren die Mehrheit der Menschen in einer eigentlich materiell und an Erfahrungen sowie Hervorbringungen reichen Welt.
Die Erkenntnisse, Errungenschaften und humanistischen Maßstäbe der Antike, der Renaissance, der Aufklärung und der modernen progressiven sozialen Umwälzungen, auch die hoffnungsvollen Ansprüche infolge der positiven historischen Zäsur von 1945, gehören zum menschlichen Kulturerbe und bedürfen der aktuellen wie perspektivischen Verwirklichung. In diesem Zusammenhang steht der Streit um die Bestimmung des Transformationsbegriffes.
Ist die Einführung der ,,Marktwirtschaft“ in (z.B.) Rußland begrüßenswert?
Ist die ,,Agenda 2010“ eine positive Reform?
Ist die Einführung von Studiengebühren für die Studierenden ein Segen?

1) Die gewollte progressive Transformation: ,,Perestroika“ und ,,Glasnost“ (,,Ost“)

,,Mehr Sozialismus bedeutet mehr Demokratie, Offenheit und Kollektivismus im Alltag, mehr
Kultur und Humanität in der Produktion, soziale und persönliche Beziehungen zwischen den
Menschen, mehr Würde und Selbstachtung für das Individuum.“

Michail Gorbatschow, ,,Perestroika“, 1987, S. 43.

Stagnation und Erstarrung in der gesellschaftlichen Entwicklung hatten die sozialistischen Länder in ein tiefe existentielle Krise geführt. Das Programm der ,,Perestroika“ war der ernste Versuch, diese Krise produktiv zu wenden. Im Vordergrund dieser Bemühungen standen der sowjetische Dreistufenplan von 1986 zur Beseitigung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000,die Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die Motivierung und Beteiligung der Bevölkerung an der gemeinsamen Entwicklung und die offene Auseinandersetzung über die gesellschaftlichen Probleme.
Die ,,Perestroika“ kam zu spät. Ihre Ansprüche und Erfahrungen sind dennoch aufhebenswert.

2) Aufklärung, Humanität und sozialer Fortschritt: Kritisches Engagement (,,West“)

,,Den Weltformeln einer sich selbst genügenden Theorie in gleicher Weise skeptisch gegenüberstehend wie der nicht über die Spezialisten-Genügsamkeit hinausgelangenden Beschränkungen (und Beschränktheit) von Forschern, die eben deshalb nur all zu leicht Sirenenklängen verfielen, suchte Bruno Snell, skeptisch, witzig, unfeierlich (und dabei hochgelehrt), jenes dialektische Verhältnis von Theorie und Praxis neu zu bedenken, das, vernünftig vorgetragen, mithelfen könne, daß die Universität, jenseits der Wolkenkuckucksheim-Träume und der Selbstaufgabe in erniedrigender: weil fremdbestimmter Praxis einen Weg findet, dessen konsequente Verfolgung zu jenem abgesicherten und wohl begründeten Entwurf für eine humane Gesellschaft führen müsse, den konventionelle Annahme des Gegebenen aus den Augen verlöre.“
Walter Jens, Dankrede aus Anlaß der Verleihung der Bruno-Snell-Plakette im Hamburger Rathaus am
12.12.1997.

Wissenschaftliches Forschen und Lehrtätigkeit, schriftliche Publizistik und außerordentliche Vorträge, Theorie und Praxis, politisches Engagement und Persönlichkeit bilden bei Walter Jens eine beeindruckende Einheit.
Friedenspolitisches Handeln, ein unbedingter Antifaschismus, das feurige Plädoyer für die Verteidigung und Erweiterung der Demokratie, wahre Wortwahl und Wortwitz sind typisch für den Träger der Bruno-Snell-Plakette. Humor und Fortschritt gehen so zusammen. (Auch die Namen Lessing und Luxemburg stehen für dieses ,,Programm“.)
Dieses Wirken steht ebenso für die kritische Praxis Vieler, die durch progressiven Einsatz der Gesellschaft ein menschliches Antlitz geben wollten und wollen. Aus der Geschichte ist zu lernen.
Der Preisträger ehrt die Universität und die verwandten Tätigkeiten anderer Menschen.

3) Der friedliche Wettbewerb der Systeme oder ,,Wandel durch Annäherung“ (,,West/Ost“)

,,Nicht die Qualität der Waffen, sondern die Qualität der Politik entscheidet über Sicherheit und Stabilität in der Welt. Dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, sie in praktische Politik umzusetzen, bedarf es des Engagements aller Menschen.(...)
Der Systemstreit, wenn er einhergeht mit der Verringerung der Rüstungen, kann den sozialen Fortschritt in beiden Systemen fördern und beschleunigen.“

,,Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“, Gemeinsame Erklärung der Grundwertekommission der SPD und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED vom 27. August 1987.

Das Prinzip des ,,Wandels durch Annäherung“ war Pate bei der Gründung (1971) des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.
Die nachhaltige Einsicht, daß Krieg im Nuklearzeitalter kein Mittel der Politik mehr sein dürfe, war Leitlinie zur Verständigung zwischen den beiden gesellschaftlichen Systemen.
Weitgehende Abrüstung, stete Verständigung, die Schaffung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, die Bekämpfung des Hungers auf der Welt, das Bemühen um die Überwindung der ökologischen Krise waren die Leitpunkte bzw. Zentralvorhaben dieser Politik, die von den gemeinsamen, global verantwortlichen Aufgaben verschiedener Akteure unterschiedlicher Gesellschaftssysteme mit divergenten Weltanschauungen ausging.
Die Systemkonfrontation ist nicht mehr präsent, die globalen Aufgaben sind geblieben.

4) ,,Fürst“ Putin oder die regressive Transformation

,,Eine der aufsehenerregendsten Errungenschaften der sozialistischen Bewegungen, die sich seit einem Jahrhundert und zumindest bis jetzt mit der Linken identifiziert haben, ist die Anerkennung der sozialen Rechte neben den Rechten der Freiheit, auch wenn diese Anerkennung heute in Frage gestellt wird.“
Norberto Bobbio, ,,Rechts und Links/Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“, 1994, S. 82.

Die Lebensbedingungen in der ehemaligen Sowjetunion sind, seit die Strukturen der sozialistischen Gesellschaft zerfallen sind, nicht sozialer, demokratischer, ziviler und humaner geworden.
Mafiotische Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, gesteigerte Armut von vielen Menschen bei enormem Reichtum weniger, der Verfall von Betrieben, Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen, der despotische Charakter der Regierungspolitik, die militärischen Interventionen in benachbarte Länder der einstigen UdSSR charakterisieren den mainstream russischer Politik.
Diese Umwandlung ist wissenschaftlich nicht zu ehren; siehe 1), 2) und 3).

Ausblick

,,Schüler: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.“
J.W. v. Goethe, Faust I.

Die gute alte Aufklärung und das Wohl der Menschheit sind nach wie vor die ersten allgemeinen Aufgaben (nicht nur) der Wissenschaften und aller Handelnden in diesem gesellschaftlichen Bereich. So macht die positive Transformation einen erträglichen Sinn.
Lob und auch Tadel, die von verantwortlichen Tätigkeiten ausgehen, sollten im Einklang mit dieser Orientierung stehen.
Casus malus: Ehrungen sind eine Ware.
Casus bonus: Ehrungen sind ein Ansporn zum Guten.

Golnar Sepehrnia, Olaf Walther
Hamburg, den 14. August 2004

Veröffentlicht am Sonnabend, den 14. August 2004, http://www.harte--zeiten.de/dokument_327.html