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Schöne neue Menschen?

Fitnessideologie ist keine Wissenschaft

„Ein typischer Fall aus seiner Praxis: Ein Mann, Ende 50, beruflich erfolgreich, empfindet seinen Alltag immer mehr als Last, fühlt sich »psychisch nicht mehr auf der Höhe«. Er leidet unter Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Potenzstörungen. Wenn seine Hormonwerte (Testosteron) deutlich unter dem Normalwert liegen und der Patient stark leidet, könnte eine Testosteron-Therapie helfen.“
Hamburger Abendblatt vom 5. November 2003, „Der Professor fürs Altern“.

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Massendoping für den Standort oder humanistische Wissenschaft?

Die Universität Hamburg hat mit Christoph Bamberger jetzt einen „Professor fürs Altern“. Finanziert wird die Professur am UKE samt „Hormon- und Anti-Aging Sprechstunde“ von der Leidenberger-Müller-Stiftung, die sich dem Aufbau eines „internationalen konkurrenzfähigen Biotechnologie-Standortes“ verschrieben hat. „Der Biotechnologie kommt heute eine große gesellschaftspolitische und ökonomische Aufgabe zu. Sie dient nicht nur der Erforschung weit verbreiteter Krankheiten und neuer Therapiemöglichkeiten, sie ist auch der wirtschaftliche Wachstumsmotor des 21. Jahrhunderts“, so Stifter Leidenberger, der selbst in der sogenannten Fortpflanzungmedizin eine Goldgrube gefunden hat.

„Der Mediziner berät die Patienten in seiner Hormon- und Anti-Aging-Sprechstunde. Hier bietet er an: Gesundheits-Check-ups, Hormonanalysen und Hormon- und Anti-Aging-Therapien. Bamberger: »Mit Ergebnissen aus unserer Forschung und den Erfahrungen aus der Sprechstunde schaffen wir die Voraussetzungen für eine seriöse, professionelle und patientenorientierte Anti-Aging-Medizin.«“ (Abendblatt). Also werden Hormone gespritzt, ganz wie im Doping oder in der Tiermast, wenn die sonstigen Ratschläge der Ärzte von der ‚guten Ernährung‘, ‚kein Alkohol, keine Zigaretten‘, ‚Sport und Frischluft‘ nicht mehr weiterhelfen. Wenn das sogenannte Humankapital nicht mehr „leistungsfähig“ ist, drohen Entlassung, Frührente oder Sozialhilfe. Die alltäglichen Ursachen von Erkrankungen, sollen dadurch verewigt werden: Angst um den Arbeitsplatz, Stress und Mobbing sorgen dafür, dass immer mehr Menschen erkranken und u.a. an Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen, Eßstörungen und Drogenabhängigkeit leiden. Die Konkurrenz zwischen den Menschen führt zu individueller Isolation und Überforderung. Damit aber auch noch bis ins hohe Alter kraftvoll geschuftet werden kann, soll künftig ‚die Wissenschaft‘ mit Anti-Aging-Hormonen bei der Selbstoptimierung helfen.

Krankheiten sind jedoch nicht alleine Sache der Alten und jedem Menschen ist ein langes Leben zu wünschen. Doch dafür bleibt richtig, was die letzten 150 Jahre galt: Alleine die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände wie Hygiene, sauberes Wasser, verbesserte Wohn- und Ernährungssituation, Verkürzung der Arbeitszeit haben zur Hebung des allgemeinen Gesundheitszustandes geführt. Auch heute noch ist die Bekämpfung von Armut, Ausbeutung und Konkurrenz die beste Förderung der Gesundheit.
Das Aussaugen der menschlichen Arbeitskraft kann durch demokratische Verfügung aller über Inhalt und Organisation der Arbeit überwunden werden. Wissenschaft und Technik müssen für so eine humane und gerechte Gesellschaftsentwicklung genutzt und weiterentwickelt werden. Diesem Ziel ist auch die Universität Hamburg mit ihrer Grundordnung verpflichtet. Eine solche Anti-Aging-Stiftungsprofessur befördert den Fitnesswahn und ist keine Zierde.

Für gesellschaftlich nützliche Produktivität in solidarischer Kooperation lohnt sich das Älterwerden. Einen guten Wein und ein eben solches Essen sollte man sich dabei gönnen.

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: juso-hochschulgruppe & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Dienstag, den 11. November 2003, http://www.harte--zeiten.de/artikel_17.html