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Solidarischer Aufbruch in der Wissenschaft

„Über 80 % der Stellen im sogenannten wissenschaftlichen Mittelbau an deutschen Hochschulen sind befristet, und für die Mehrheit der so beschäftigten Wissenschaftler*innen besteht keine Aussicht auf Verbleib in der Wissenschaft, obwohl sie bundesweit einen Großteil der regulären Forschung und Lehre stemmen. [...] Wissenschaft ist kein Abenteuerurlaub auf eigenes Risiko, sondern ein Beruf, der mehrheitlich von hoch qualifizierten, motivierten und engagierten Menschen ausgeübt wird. Im deutschen Wissenschaftssystem werden sie allerdings bis ins fünfte Lebensjahrzehnt als eine Art Edel-Praktikant*innen behandelt: In der euphemistisch als „Qualifikationsphase“ bezeichneten Zeitspanne zwischen Studienabschluss und Professur werden Absolvent*innen, Promovierte und Habilitierte regelhaft nur befristet eingestellt und bei erheblichem Leistungs- und Konformitätsdruck in existenzieller Abhängigkeit von den jeweiligen Lehrstuhlinhaber*innen gehalten.“
„Für faire Beschäftigung an deutschen Hochschulen!“ Forderungen des Netzwerks ‚Gute Arbeit in der Wissenschaft‘, August 2017. pdf

Eine Initiative von Studierenden und Akademikern (mit und ohne feste Stellen) hat diese scharfe Kritik formuliert. Das Netzwerk „Gute Arbeit in der Wissenschaft“ leitet daraus Forderungen ab, die auch für die Hamburger Hochschulen erkämpft werden müssen: Die Entfristung von Beschäftigten, die Daueraufgaben wahrnehmen; die Ausweitung und bessere Bezahlung tariflicher Beschäftigung (auch für Studierende); die Herstellung einer bedarfsgerechten Grundfinanzierung und die Demokratisierung der Unis. Organisierter, gewerkschaftlich orientierter Protest bundesweit – eine erfrischende Erneuerung!

Worum geht es?

Erstens: Wenn es im Grundgesetz (Art. 5, 3) heißt: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“, dann ist damit nicht gemeint: frei von Lohn, sozialer Perspektive und demokratischer Entscheidung über den Wissenschaftsinhalt. Gemeint ist: Wissenschaft soll frei von privater und willkürlicher Einflussnahme sein. Sie soll frei sein für die Verwirklichung des Allgemeinwohls, damit global wahr wird: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ (Art. 1, 1 GG) Die Abhängigkeit von meist opportunen, kurzfristigen Drittmittelprojekten und vorgesetzten Professor*innen ist darauf ein Hohn.

Zweitens: Gleichgültig, ob studentische Tutor*innen, akademisches Personal oder wissenschaftlich qualifizierte Mitarbeiter*innen in der Verwaltung: Lehre, Forschung, Studierendenberatung, die Entwicklung von Wissenschaft und die demokratische Mitbestimmung bedürfen der Muße, sich auf die Kolleg*innen, Studierende, Themen und Fragestellungen einzulassen, etwas auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und Kontinuität herzustellen. In dauerhafter Existenzangst, mit eng befristeten und Kettenverträgen oder gar mit „Hartz IV“ als Aufstockung oder Überbrückung ist dies kaum möglich.

Drittens: Auch „Akademiker*innen“ sind abhängig Beschäftigte in einer sozial zerklüfteten Marktgesellschaft: Ein soziales Bewusstsein, im selben Boot zu sitzen wie alle anderen Erwerbsabhängigen ist ein Gewinn an gesellschaftlicher Solidarität.

Nach sieben Jahren durchgreifender „Schuldenbremse“ in Hamburg gilt für die Uni: Es fehlen zu einem ausgeglichenen Haushalt rund 24 Millionen Euro pro Jahr. Nur noch 60 Prozent des Uni-Etats sind staatlich grundfinanziert, der „Rest“ muss über Drittmittel eingehamstert werden – bei immer größeren gesellschaftlichen Aufgaben und wachsenden Studierendenzahlen. Das ist Verschleiß meist menschenfreundlich ambitionierter Menschen und somit unzumutbar.

Gegen solche Zustände finden sich in allen Hochschulorten und in vielen anderen relevanten Bereichen der Gesellschaft ähnliche Initiativen. Studentische Interessenvertretung hat wesentlich Sinn und Perspektive, wenn sie diese Bewegungen initiiert, befördert und verbindet. Solidarität ist die Veränderung, auf die es ankommt.

V.i.S.d.P.: Golnar Sepehrnia, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Mittwoch, den 10. Januar 2018, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1384.html