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Vernunft statt Wahnsinn

Den Rechten kein Forum an der Universität
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Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920: Burschenschaften waren schon damals gegen Demokratie und Republik dabei

Regelmäßig am Anfang des Semesters sieht man sie und ihre Werbung zuhauf auf dem Campus. Sie werben mit billigen Zimmern, geselligem Beisammensein und einer Freundschaft fürs Leben. Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften kurz: Studentische Verbindungen. Hört sich doch ganz gut an? Aber wer sich eingehender mit studentischen Verbindungen beschäftigt wird schnell merken, daß ihnen allen ein anti-egalitäres Menschenbild gemein ist.

Dies schließt immer bestimmte Gruppen der Gesellschaft aus, typischerweise Frauen, Ausländer und Kriegsdienstverweigerer. Bei Unterschieden im Detail eint sie alle das Selbstverständnis als bevorzugte "Elite", deren Weg über Seilschaften naturgemäß nach oben zu führen habe. Von diesem gemeinsamen Grundverständnis aus ist das Spektrum studentischer Verbindungen nach rechts offen; bis hin zu handfesten faschistischen Gruppen wie der Hamburger Burschenschaft Germania, die gute Kontakte zur inzwischen verbotenen rechtsextremen FAP pflegte. Und damit stehen sie in lange Tradition, haben sich die Verbindungen 1933 nur marginal gegen die Gleichschaltung gewehrt - eben nur, weil ihnen die Nationalsozialisten eigentlich zu pöbelhaft waren. Ansonsten war man sich in Sachen Nationalismus und Antisemitismus einig genug, gemeinsam im April 1933 die erste Hamburger Bücherverbrennung zu veranstalten.

Als ob es nicht genug wäre, daß diese Gruppierungen überhaupt offen auf dem Campus agieren dürfen, bietet die Uni ihnen auch noch die Möglichkeit in dem offiziellen "Wegweiser für Studienanfänger" Werbung zu machen und vermietet ihnen Schaukästen im Hauptgebäude. Auf der anderen Seite sonnt sich insbesondere Uni-Präsident Lüthje oft und gern im Licht der Weißen Rose und schmückt sich mit den Namen der von den Nazis vertriebenen Wissenschaftler. Im ESA sind Hörsäle nach Ernst Cassierer, erster jüdischer Rektor einer deutschen Uni, 1933 geflohen und nach der ersten Professorin in Hamburg, Agathe Lasch, als Jüdin 1933 Berufverbot, 1942 deportiert und verschollen, benannt. Ob Lüthje ihren Nachfahren erklären kann, warum direkt daneben Schaukästen von Verbindungen hängen, für deren geistige Väter das Unwort "judenfrei" schon weit vor 1933 Selbstverständlichkeit war?

Daher stellten linke Studierende im Akademischen Senat (AS) den Antrag, daß die Universität in ihren Einrichtungen und Publikationen nicht mehr die Verbreitung anti-demokratischer, anti-egalitärer bis hin zu pro-faschistischen Positionen ermögliche. Dies wäre immerhin ein Schritt, um tatsächlich an die Tradition des antifaschistischen Widerstand der Weißen Rose anzuknüpfen.

Hatten sich auf vorhergehenden AS-Sitzungen noch viele Mitglieder für ein vehementes Vorgehen gegen Verbindungen ausgesprochen, zogen sich nun, als es drohte konkret zu werden, viele auf formale Standpunkte zurück. So war von studentischer grüner Seite zu hören, daß viele Verbindungen ja nur "gepflegtem Patriotismus" frönten, während von pseudo-liberalen Fachkräften vertreten wurde, daß Faschismus ja auch eine Meinung und somit vom Grundgesetz geschützt sei. Richtig verstanden sollte das Grundgesetz allerdings Demokraten vor Faschismus schützen, und nicht Faschisten vor Demokratie. In diesem Sinne geht es auch nicht, wie einige unterstellten, um das Erteilen von Verboten, sondern darum, die Verbreitung rechter Positionen durch Werbung in Zukunft zu unterlassen und darüber hinaus eine offensive politische Auseinandersetzung mit diesen zu führen.

Die fortschrittlichen unter den Vertretern der anderen Statusgruppen teilten diese Position zumindest soweit, daß letztlich der Beschluß durchgesetzt wurde, jede Werbung im "Wegweiser für Studienanfänger" zu verbieten. Der eigentliche Kackpunkt, wie man offensiv gegen Rechts vorgeht, ist damit noch nicht geklärt, aber dem unerträglichen Gleichmut des Präsidenten gegenüber rechten Positionen ist ein deutliches Zeichen entgegengesetzt worden.

Nun werden weitere gemeinsame Schritte all derer folgen müssen, die mit uns die Meinung teilen, daß Faschismus eben keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist. Und zwar ein Verbrechen, das im Nationalsozialismus seine ganze Dimension gezeigt hat. Dies kann keine Meinung sein! Antifaschismus äußert sich eben nicht in einem Lippenbekenntnis und auch nicht in der Umbenennung einiger Hörsäle. Antifaschismus heißt, dem Gedankengut, daß zwei Weltkriege und eine beispiellose Massenvernichtung hervorgebracht hat, wo immer man ihm auch begegnet entgegenzutreten!

Wir werden auch weiterhin gegen rechtsradikale Positionen vorgehen - in den akademischen und studentischen Gremien und überall sonst!

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: juso-hochschulgruppe & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Donnerstag, den 6. Juli 2000, http://www.harte--zeiten.de/artikel_127.html