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Bildung und (kein) Fortschritt?
Zum neuesten OECD Bildungsreport

,,Das Leben wird nicht leichter dadurch, daß sich jeder einbildet, er sei eine Ritterburg für sich - »reichsunmittelbar « ist ein altes deutsches Ideal und ein schlechtes dazu. Subordiniert - das ist die schlechte Arbeit von gestern. Koordiniert - das ist die gute Arbeit von morgen.“
Kurt Tucholsky, ,,Wie machen wir einander das Leben leichter?“, 1929.

Bis 2016 soll die Universität Hamburg zwölf Prozent ihrer 9.300 Studienanfängerplätze abbauen meldete die ,,taz“ am 14.9.2012. Der Pressesprecher der Behörde für Wissenschaft und Forschung räumt dazu ein, daß davon vier Prozent aufgrund Hamburger Politik, die anderen acht wegen des Wegfalls von Bundesmitteln entfielen. Das sei ,,im Wesentlichen eine Fortschreibung.“

Die Schuldenbremse ist eine Bildungsbremse, in Bund und Ländern.

Dabei müßte die Bildungsbeteiligung erheblich ausgebaut werden. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt, globale Arbeitsteilung und Kommunikation, die schwere Krise von Ökonomie, Umwelt sowie der sozialen und internationalen Beziehungen erfordern, daß mehr und mehr Menschen klug, kooperativ und sozialkritisch - eben ,,mündig“ - die gesellschaftliche Entwicklung betreiben, sie im Widerstreit mit der hektischen und perspektivlosen Konsum- und Geschäftswelt menschenwürdig gestalten und dadurch zu sich selbst kommen.

Vor diesem Hintergrund ist die Kürzungspolitik der Landesregierung abenteuerlich. Sie fügt sich in eine Stagnation der Bildungsentwicklung in der Bundesrepublik ein, die Ausdruck jahrzehntelanger neo-konservativer Hegemonie ist. Derzufolge soll Bildung Investition in die Ware Arbeitskraft sein, damit jedeR - am besten ,,eigenverantwortlich“ - verwertbare Leistungen erbringe und sich initiativ- und phantasielos in ungerechte Verhältnisse füge, in denen der Ellenbogen als Fortbewegungsmittel gilt. Das Ergebnis dieser Aufstiegs- und Ego-Erziehung ist: Es gibt keinen Fortschritt.

Das zeigt auch die des Sozialismus unverdächtige OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung westlicher Industrienationen) in ihrer aktuellen Bildungsstudie auf: In der Bundesrepublik nehmen weiterhin deutlich weniger Menschen ein Hochschulstudium auf als im Durchschnitt der 34 Mitgliedsländer. Sie gehört neben Israel und den USA zu den einzigen Ländern, bei denen es in der jungen Generation nicht mehr Hochschulabschlüsse gibt als in der der 55- 64 Jährigen.

Ein ,,neues '68“, also das solidarische Selbstbewußtsein als gesellschaftlicher Faktor positiver Veränderung und darin (der Kampf für) Bildung als umfassende kooperative Entfaltung aller ist und schafft dementgegen eine erfreuliche Entwicklung.

Eine erneute, weite Öffnung aller Bildungseinrichtungen ist nötig. Die erforderlichen öffentlichen Investitionen fallen nicht vom Himmel, sondern müssen kollektiv erstritten werden. Das ist die praktische, humanistische Alternative zur Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums durch die Aktienmärkte und zur Schuldenbremse.

V.i.S.d.P.: Golnar Sepehrnia, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Dienstag, den 18. September 2012, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1130.html