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Soziale Unordnung

,,Laut Volker Bonorden, Leiter des Personalamts, hätten alle Mitarbeiter der für Hartz-IV-Empfänger zuständigen Arbeitsgemeinschaft einen Alarmknopf auf dem Bildschirm, mit dem sie Hilfe rufen könnten. In vielen Ämtern seien zusätzliche Türen installiert worden, damit Mitarbeiter im Fall von Angriffen flüchten könnten.“
Hamburger Abendblatt: ,,Alarmknopf am Bildschirm. Die Zahl der Übergriffe auf städtische Angestellte stieg im vergangenen Jahr um elf Prozent“, 3.2.2011.

,,Soziale Unordnung
,Was wünschen Sie zum Abendbrot' fragte der Gefängnisdirektor den armen Sünder, der morgen früh am Galgen sterben sollte. ,Sie dürfen essen und trinken, was und wie viel Sie wollen.' ,Schade!' sagte der Delinquent - ,Schade!! Wenn Sie mich das drei Monate früher gefragt hätten, wär' der ganze Raubmord nicht passiert.'“

Alfred Polgar, 1919.

Nachdem eine CD mit Bankdaten den schattigen Weg von Liechtenstein zu deutschen Steuerbehörden fand, hatte allein Hamburg aufgrund ,,freiwilliger“ Selbstanzeigen spontan Steuermehreinnahmen in Höhe von 80 Mio. Euro.

Wer will sagen, es sei kein Geld da?

Öbszöne Gewinne und dekadenter Reichtum sind das Ergebnis von Lohndruck und Entlassungen, Spekulationen und Steuersenkungen, Hinterziehungen und Privatisierung. Wenn individueller Erfolg und Wohlstand das Maß aller Dinge sein sollen, dann haben sich die Damen und Herren aus Blankenese und dem Alstertal zu einem Maximum an Vorbildlichkeit gesteigert. Allerdings entfernt dieses Vorbild die Gesellschaft erheblich vom Gemeinwohl. Erwerbslosigkeit, eklatante Armut (ein Viertel der Hamburger Kinder sind betroffen) und Perspektivlosigkeit sind sein konkreter Ausdruck, den die Verursachenden gerne mit einem edeln Tropfen aus dem Bewußtsein spülen. Aus den Augen ... .

Solch' stumpfer Rausch steht den Mitarbeitern von Sozialbehörden und Arbeitsagenturen nicht zur Verfügung. Sie sind täglich mit der - zuweilen gewaltsamen - Verzweiflung von Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert, die in den deformierten Einrichtungen eines rudimentären Sozialstaates fast nur noch auf ihre Verwertungstauglichkeit geprüft und ansonsten auf niedrigstes Lebensniveau ausgemustert werden. Das ist die Praxis zur Ideologie der

,,Eigenverantwortung“. Sie ist selektive Bewertung von Menschen nach Leistungskriterien und ihr Ausschluß aus produktiver, kultureller und politischer Partizipation. Mit der blödsinnigen Behauptung, in einer hochentwickelten, arbeitsteiligen Industriegesellschaft, mit Überproduktions- und Unterkonsumptionskrisen, sei jeder für sein eigenes Wohlergehen individuell verantwortlich, kann zwar eine Weile lang von dem gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen gewinngieriger Ausbeutung und gesellschaftlicher Verarmung abgelenkt werden, die realen sozialen Probleme der Gesellschaft werden aber nicht gelöst.

Denn der Mensch entwickelt sich kooperativ. Statt also zu ,,kritisieren“, ,,dass nicht einmal vier Prozent der Taten strafrechtliche Folgen für die Angreifer hätten“, wie es der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Andreas Dressel nicht etwa in Hinblick auf Steuerbetrüger, sondern auf wütende Behördengänger im Abendblatt verlautbart, sind tiefgreifende Sozialreformen unverzichtbar: Kapitalsteuern rauf und Arbeitszeit runter, Löhne rauf und Gewinne besteuern, die kulturellen, sozialen und Bildungseinrichtungen ausbauen und die Spekulationen beenden - das hebt die soziale Qualität des Gemeinwesen (gewaltfrei).

Perspektivisches Denken und gemeinsames Eingreifen für menschenwürdige Verhältnisse gelingen einzig im Gegensatz zu den gewohnten Geschäften - Zusammen!

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Dienstag, den 8. Februar 2011, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1019.html